Madeleine mit Obatzda. Eine nostalgische Kaffeefahrt.

Treue und aufmerksame Leser dieses Blogs mögen beim Autor dieser Zeilen vielleicht bereits einen schlecht versteckten Hang zur Nostalgie ausgemacht haben. Nun, das ist kein Geheimnis. Ein kalendarisches Jubiläum sowie die Wärme der letzten Sommertage erweckte dann sogar in den beiden nüchternen Zahlenjongleuren Dr. Max Frauenknecht und Benedikt Böllhoff (FDP) das Verlangen nach einer romantisch verbrämten Wanderung auf den eigenen Spuren (blumige Ausschmückung im Dienste der Verständlichkeit/Anm.d.Red.). Und so trafen wir uns da, wo einst alles seinen Anfang nahm: Im Biergarten natürlich. Die Kaffeefahrt begann auf Abensbergs Stadtplatz, sozusagen der guten Stube der Produktion, dann schipperten wir den Großen Strom hinauf. Kaperten einen Donaudampfer, grüßten devot aus der Ferne die Befreiungshalle, rauchten auf dem Eichberg in teenagerhafter Momentverklärung eine Zigarette und setzten schließlich, wie einst der gute und müde Joker, mit der Fähre von Hienheim nach Eining über. Dort tunkten wir unsere Madeleines tief in orangenen Biergartenkäse und ließen die Erinnerungen aus unseren Humpen aufsteigen, effektvoll in Szene gesetzt von der untergehenden Sonne und Zigarrenqualm aus Havanna. Und vielleicht werden wir, wenn wir eines Tages als Notare, Nudelprokuristen oder Aufsichtsräte auf jene Zeit zurückblicken, über die nostalgischen Schwärmer von damals lächeln. Oder nicht?

Weißer Rauch und Zigarrenqualm: Der Film ist fertig!

Annuntio vobis gaudium magnum! Nach eineinhalb Jahren Arbeit ist es nun endlich soweit: "Tage wie Jahre" ist fertig. Ein wenig seltsam ist es schon. Kein Zielstrich, kein Gipfelkreuz, keine fühlbare Zäsur. Nur ein Lieferschein und ein leeres Kino in der Türkenstraße. Nun liegt die Kopie bei mir auf dem Regal, zwischen Büchern und kitschigen Reiseandenken. Seine Uraufführung wird "Tage wie Jahre" bei den 42. Internationalen Hofer Filmtagen im Oktober haben. Danach folgen dann auch endlich die lange versprochenen Aufführungen im Abensberger Kino, bevor die filmischen Leiden des jungen Q. dann Ende November im Rahmen der BR-Kurzfilmnacht ausgestrahlt werden. Jaja, so is des, würde Jokers Vater dazu sagen. À bientôt...

Canción de jinete. Was in Andalusien geschah.



Auch wenn ich den Weg kenne, werde ich nie in Cordoba ankommen, sagt García Lorca. Natürlich meinte er nicht "das" Cordoba, jene austro-fußballerische Exklave, die die Kronen-Zeitung während der Fußball-EM so oft beschworen hatte, wie Erwin Huber den Mittelstand. Aber ein bißchen Fußball war schon im Spiel, als Christoph und ich zur Huldigungsreise ins Lande des Europameisters aufbrachen. Von Madrid aus ging es also Richtung Cordoba, doch wir erreichten es ebensowenig, wie der Reiter in García Lorcas Gedicht. Vielmehr bogen wir nach Osten in Richtung der Berge ab, "wennst neifahrst links", wie der Bayer zu sagen pflegt, und erreichten, wie im letzten Jahr, Úbeda, den Schauplatz der Internationalen Filmmusik Konferenz. And behold: Neben sonstigen Highlights wie Bruce Broughton im Hawaiihemd, oder den mit charmant-schottischem Akzent vorgetragenen Anekdoten von Patrick Doyle, wartete eine Live-Performance von Christoph und mir auf die ahnungslosen Spanier (die dafür sogar Geld bezahlen mussten/Anm.d.Red.). So kam also "Nameless Nostalgia" aus dem "Tage wie Jahre"-Soundtrack zu einer Uraufführung im ehrwürdigen Hospital de Santiago; der, wie wir finden, charmantesten Konzertlocation überhaupt. Fünf Tage im Herzen Andalusiens. Über die Sierra Nevada nach Granada. Die Alhambra sehen und sterben. Nach einem letzten Abendmahl mit aceitunas, clara und Montecristo No. 4 bei "El Tito" brach die müde Reiterschar gen Madrid auf und ließ die Türme, Sherry-Stiere und Olivenhaine hinter sich, durchquerte durstig La Mancha und erreichte Madrid am Abend des darauffolgenden Tages. Cordoba, weit weg, und einsam.


Auf die Mischung kommt es an.

Magenta, Cyan & Oranje. In der Farbkorrektur.

Während München, der berühmten Thomas Mann-Phrase eingedenk, bei sommerlichen Temperaturen vor sich hin leuchtete, und die Neo-Schwabinger Gucci-Bohème in den Straßencafés die edle Blässe gegen eine sanfte Bräune einzutauschen gedachte, stiegen Martin und ich einmal mehr in die klimatisierte Dunkelheit der Postproduktion hinab. Die Farbkorrektur stand auf dem Programm. Zum Glück durften wir das dunkle Gelass mit einem alten Bekannten teilen: Stefan, der bereits bei "Lethe" am Bild gezaubert hatte, war auch diesmal wieder an Bord. Und so vergaßen wir bald das sommerliche Arkadien hinter den Vorhängen, und tauchten ein in die herbstliche Melancholie von "Tage wie Jahre". Am selben Tag, an dem wir gegen Magenta-Stiche kämpften, triumphierte auf dem grünen Rasen Orange über Azurblau, was für reichlich Diskussionsstoff in den Coffee&Cigarettes-Pausen sorgte. Trotz der Nebentätigkeit als Bundestrainer schafften wir in den zwei Tagen ein unglaubliches Pensum und kehrten rechtzeitig zum Juni-Monsun in die Freiheit zurück. Sic transit gloria mundi. Das gilt für Wetter und Weltmeister. Amen.

Gloomy Sunday oder: Wie ein Trauermarsch entsteht.

Königlich-bayerisches Biergartenwetter über den Hopfengärten. Mühlhausen döst friedlich vor sich hin an diesem sommerlichen Sonntag, der für alles mögliche geschaffen scheint, am wenigsten jedoch für die Aufnahme eines Trauermarschs. Trotzdem fand sich die "Beerdigungsbesetzung" der Blaskapelle Mühlhausen mit högschder Disziplin ein, wenngleich auch der etwas legere Dresscode der epochalen Beerdigung des Weizen-Xare kaum genügt hätte. Nichtsdestotrotz floss das Wasser sturzbachartig aus den Ventilen der Trompeten und aus den Poren der Musiker. Schweißtreibend "jagte" Christoph die bedauernswerte Combo in tristem Trauermarschtempo durch die Partitur. Die Tapferen hielten durch und verdienten sich ihre Teilnahme am Leichenschmaus durch wahrhaft körperliche Arbeit. Rechtzeitig zu "Lindenstraße" war es dann geschafft, und der Autor dieser Zeilen glich dem alten Emil Zatopek, als er mit heraushängender Zunge der Labsal eines kühlen Radlers entgegenhechelte. Fin.

Einmal Griebnitzsee und zurück. Ein Orchester für "Tage wie Jahre".

Athen und Sparta, Feldlager und Garten Epikurs, Trompeten und Violinen, Krieg und Philosophie. So sprach der alte Voltaire, als er beim Würfeln mit dem alten Fritz auf der Schlossterrasse von martialischem Hundegebell aufgeschreckt wurde. Genau so, oder so ähnlich muss es gewesen sein. Bis zum flötenden Friedrich drang unser redseliger Taxifahrer zwar nicht vor, aber der Weg von Tegel nach Babelsberg barg so einiges an Klatsch & Tratsch aus dem märkischen Sand. Todmüde waren Christoph und ich zur Unzeit aus dem Flieger zum Taxi gewankt, nachdem die Abflugzeit in München in etwa so unpassend früh war, wie der vorzeitige Meistertitel der Fernglas-Bayern. Potsdam also. Zwischen Knobelsdorffs sorglosem Rokoko und den malerischen Havelseen scharte Christoph ein Orchester um sich. Nach "Lethe" sollte auch diesmal wieder das Deutsche Filmorchester Babelsberg den orchestralen Teil der Filmmusik einspielen. Nachdem wir letztes Mal noch im bröckelnden Charme des Alten Rundfunkgeländes an der Nalepastraße aufgenommen hatten, war das Orchester mittlerweile, seines Namens eingedenk, auf das Gelände der Babelsberger Studios umgezogen. Zwar ohne die elegische Patina, aber dafür mit Raumschifftechnik empfing uns das neue Studio. Die Uhr tickte: Zwanzig Minuten Orchestermusik warteten auf das Ensemble. Und ohne zuviel zu verraten, kann ich sagen: Es war (natürlich!) großartig. Zur Feier des Tages ließen wir es in der RBB-Kantine so richtig krachen und tafelten wie der alte Lucullus an seinem Hochzeitstag (Übertreibung möglich/Anm.d.Red.). Zurück in Tegel legte ich mich noch unters Messer, um mir von der Flughafencoiffeuse die wilde Haarpracht auf ein für die nun achtzigjährigen Augen meiner Großmutter erträgliches Maß zurückstutzen zu lassen. Nachdem ich im Anschluss wie Caravaggios Narciss vor den Flughafenspiegeln herumgetänzelt war, bringt uns TomatensaftundBrezel-Airlines zurück nach Monachium. Leichter Regen. Leichtes Gepäck. Tiefer Schlaf. Endlich.